Es gibt Geheimnisse, die im Verborgenen liegen. Geheimnisse, von denen niemand etwas ahnt, die einen zerreißen und doch nach außen hin unsichtbar bleiben.
Die Bulimie ist eines dieser Geheimnisse. Eine Erkrankung, die viele Betroffene mit aller Kraft verstecken. Vielleicht kennen Sie das: Tagsüber funktionieren, lächeln, die Fassade aufrecht erhalten – und dann, wenn niemand hinsieht, der Sturz in den Strudel aus Essanfällen, Erbrechen, Scham und Schuldgefühlen.
Der unsichtbare Kampf – und der ewige Hunger
Bulimie ist eine ernstzunehmende Essstörung. Sie ist ein ständiges Hin und Her zwischen zwei Extremen: zwischen zu viel und viel zu wenig. Zwischen Hungern und unkontrollierten Essanfällen. Zwischen Kontrolle und totalem Kontrollverlust.
Was viele nicht wissen: Die Essanfälle entstehen oft nicht nur aus emotionalen Gründen, sondern auch, weil der Körper verzweifelt nach Nahrung schreit. Viele Betroffene halten strenge Diäten ein, lassen Mahlzeiten aus oder erbrechen das, was sie gegessen haben – und versetzen ihren Körper damit in einen ständigen Mangelzustand. Der Körper bekommt nicht, was er braucht, um satt zu sein, um sich stabil und versorgt zu fühlen. Und irgendwann schlägt er zurück – mit einem Essanfall.
Das ist kein Zeichen von Schwäche. Jeder Mensch, der über längere Zeit mit solchen Restriktionen lebt, würde irgendwann diesen enormen Hunger verspüren. Es ist eine ganz natürliche Reaktion des Körpers auf den dauerhaften Mangel.
Doch genau das verstärkt den Kreislauf: Nach dem Essanfall folgen Schuld- und Schamgefühle und als Ausgleich folgt meist wieder eine Phase der Kontrolle – noch weniger essen, noch mehr Regeln, noch strengere Verbote. Und genau das führt zu noch mehr Essanfällen.
Das verlorene Gefühl für normale Ernährung
Mit der Zeit verlieren viele Betroffene das Gespür dafür, was eigentlich eine normale Mahlzeit ist. Was ist eine gute Portion? Was braucht mein Körper wirklich? Wann bin ich satt? Wann bin ich hungrig? Diese Signale sind durch das ständige Wechselspiel zwischen Verzicht und Übermaß oft völlig verzerrt.
Der Weg aus der Bulimie bedeutet nicht nur, die Essanfälle zu stoppen – es bedeutet auch, den Körper wieder zu nähren, ihn wieder spüren zu lernen und ein gesundes Verhältnis zum Essen aufzubauen. Es bedeutet, regelmäßig zu essen, sich mit echten Mahlzeiten zu versorgen und langsam Vertrauen in die eigenen Körpersignale zurückzugewinnen.
Der erste Schritt: Sie jemanden öffnen
Vielleicht denken Sie, dass Sie diesen Kampf allein durchstehen müssen. Vielleicht schämen Sie sich dafür, dass Sie „schon wieder“ die Kontrolle verloren haben. Heilung beginnt nicht mit Perfektion – sie beginnt mit einem ersten Schritt.
Sich jemandem anzuvertrauen, sich Hilfe zu holen, kann Angst machen. Doch Sie müssen diesen Weg nicht alleine gehen. Es gibt Menschen, die verstehen, was Sie durchmachen. Therapeutinnen, Berater, Selbsthilfegruppen – und vielleicht ein Mensch in Ihrem Leben, dem Sie Ihr Geheimnis anvertrauen können.
Wenn Sie sich in diesen Zeilen wiedererkennen, dann nehmen Sie sich einen Moment. Atmen Sie durch. Und vielleicht – ganz vielleicht – erlauben Sie sich, den ersten Schritt aus diesem Kreislauf zu gehen. Sie sind nicht allein.
Schön, dass Sie hier sind.
Ihre Stefanie Trilling
Praxis für ganzheitliche Psychotherapie – Düsseldorf